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„Notenzeugnisse sind pädagogischer Unfug“

Millionen Schülerinnen und Schüler in Deutschland freuen sich schon, denn die Sommerferien stehen vor der Tür. Dann heißt es Ausschlafen, mit Freunden treffen, in den Urlaub fahren und jede Menge Spaß haben. Doch vorher steht noch die Zeugnisausgabe an, und da wird vielen Angst und Bange. Warum das nicht auf Schüler*innen an Waldorfschulen zutrifft, wie die Zeugnisse dort aussehen und weshalb Noten generell "pädagogischer Unfug" sind, erklärt Henning Kullak-Ublick, Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen.

Hamburg/Stuttgart, 19. Juni 2018/CMS. Die Sommerferien nahen und damit auch die Zeugnisvergabe, doch bei dem Gedanken daran wird den Schüler*innen vielerorts schon Angst und Bange, denn bei manchen ist sogar die Versetzung in Gefahr. Befürchtungen, die Waldorfschüler*innen nicht kennen, da es an ihren Schulen kein Sitzenbleiben gibt und Notenzeugnisse auch erst frühestens ab der 9. Klasse üblich sind. Der Bund der Freien Waldorfschulen rät vor dem 15. Lebensjahr von Notenzeugnissen ab.

 

„Die Neurowissenschaften haben längst belegt, dass Angst, Stress und Druck die denkbar schlechtesten Vorbedingungen zum Lernen sind. Wir lernen niemals nur mit dem Kopf, sondern immer auch mit dem Herzen und durch aktive Tätigkeit“, betont Henning Kullak-Ublick, Vorstandssprecher im Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS). Während die gelernten Inhalte meist schnell wieder vergessen werden, bleibe das mit dem Lernen verbundene Gefühl bestehen und bestimme in hohem Maße die individuelle Beziehung zum Lernen im späteren Leben. Noten vor dem 14. Lebensjahr führten für viel zu viele Kinder dazu, Lernen als notwendige Last statt als spannendes „Tor zur Freiheit“ zu erfahren, das sich ein Leben lang immer weiter öffnen könne, führt der langjährige Waldorfklassenlehrer aus.

Deshalb gebe es an den Waldorfschulen in der Unter- und Mittelstufe keine selektive Auslese mit Noten und kein Sitzenbleiben – aus pädagogischen Gesichtspunkten seien Noten ohnehin vollkommen überflüssig: „Notenzeugnisse sind pädagogischer Unfug“, sagt Kullak-Ublick. Der BdFWS begrüße daher, dass der Notendruck wenigstens für die jüngeren Jahrgänge auch an Schulen in staatlicher Trägerschaft allmählich reduziert werde. „Das ist gut, aber am Ziel sind wir erst, wenn nicht mehr eine Defizitorientierung über eine Schülerlaufbahn entscheidet, sondern das individuelle Können“, so Kullak-Ublick weiter.

In den Waldorfschulen gibt es bis zur Oberstufe keine Notenzeugnisse, sondern ausführliche Beurteilungen der Schüler*innen, aus denen sie ihre Stärken und Schwächen ersehen können. „Ein ‚gutes Zeugnis’ ist eins, das den Kindern Mut macht, weil sie sich in ihren Stärken erkannt fühlen können. Auf dieser Grundlage können sie auch Schwächen angstfrei überwinden“, erklärt Kullak-Ublick. Zur Darstellung von Lernfortschritten jenseits der traditionellen Notenvergabe greifen viele Waldorfschulen auf Lern- und Abschlussportfolios zurück, die aus der Sicht des BdFWS einen „echten Paradigmenwechsel“ bei den Leistungsnachweisen darstellen, weil sie die individuellen Leistungen und Fähigkeiten viel genauer abbilden. In Deutschland bieten derzeit rund 50 Waldorfschulen zusätzlich zu den staatlichen Abschlussprüfungen solche Abschlussportfolios an, die von künftigen Arbeitgebern oder weiterführenden Bildungseinrichtungen oft als wesentlich aussagekräftiger als der Notendurchschnitt bewertet werden.

Mehr zu diesem Thema im Radiobeitrag mit Henning Kullak-Ublick.

Bund der Freien Waldorfschulen e.V. 
Die derzeit 244 deutschen Waldorfschulen haben sich zum Bund der Freien Waldorfschulen e.V. (BdFWS) mit Sitz in Stuttgart zusammengeschlossen, wo 1919 die erste Waldorfschule eröffnet wurde. Seit 2013 sitzt die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des BdFWS als Zweigstelle in Hamburg. Die föderative Vereinigung lässt die Autonomie der einzelnen Waldorfschule unangetastet, nimmt aber gemeinsame Aufgaben und Interessen wahr.

 

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