

Was ist Waldorfschule?
Denn darauf beruht jene Erziehungskunst, die hier gemeint ist, dass man den Menschen kennt, kennt, was jedes Lebensalter von uns fordert in Bezug auf Erziehung und Unterricht ...
Dass wir das Wesen des Kindes in jedem Jahr, ja, jeder einzelnen Woche in unserer Seele lebendig machen, das ist dasjenige, was ... Basis für die Erziehung bilden muss.
Rudolf Steiner in einem Vortrag
in Oxford am 18. 8. 1922.
Rudolf Steiner schuf 1919, unterstützt durch den Industriellen Emil Molt (Waldorf - Astoria - Zigarettenfabrik), mit der ersten Waldorfschule in Stuttgart zugleich die erste Einheitsschule überhaupt, eine Schule also, in der weder nach den sozialen Verhältnissen noch nach Geschlechtern oder Begabungen geteilt wird.
Die Waldorfschule tritt für eine gründliche Bildung aller jungen Menschen bis zur 12. Klasse - also bis etwa zum 18. Lebensjahr - ein. Sie wendet sich damit intensiv gegen jede Form von »gekappter Bildung«. Wem die allgemeine Menschenbildung als Ziel der Schulerziehung vor Augen steht, wer also den individuellen Kräften eines jeden einzelnen Menschen zur Entfaltung verhelfen will, muss die Gesetzmäßigkeiten kennen, die der Entwicklung vom Kinde bis zum Erwachsenen zugrunde liegen. Die Wissenschaft über diese Gesetzmäßigkeiten hat Rudolf Steiner durch seine »Menschenkunde« in starkem Maße vertieft. Diese Menschenkunde ist der Quell für die Bestrebungen und das Handeln innerhalb der Waldorfschulen.
Ein Beispiel: Ist der heranwachsende Mensch mit 14/15 Jahren so weit entwickelt, dass seine individuelle Urteilskraft erwacht ist, dass sein Interesse, und, im positivem Falle, seine Liebe allen Erscheinungen der Welt gegenüber frei wurde, muss er auch die Möglichkeit haben, dieses heutige Leben gründlich kennen zu lernen. Er soll ja später darin wirken. Wie kommt die Waldorfschule diesem inneren Bedürfnis entgegen?
Von der 9. Klasse ab wird auf allen Unterrichtsgebieten so gearbeitet, dass das heutige Leben zur Darstellung kommt. Lernen die Mädchen und Jungen in diesem Alter Tischlern, Schmieden, Weben und Spinnen, so führt sie der Weg in diesem Zusammenhang in die moderne Tischlerei, Textilfirma und Metallwerkstatt. Der bisher erlebte Gartenbauunterricht im Schulgarten wird in der 9. Klasse durch ein dreiwöchiges Landwirtschaftspraktikum auf einem modernen, biologisch-dynamischen Bauernhof ergänzt. In der 10. Klasse wird ein Feldmesspraktikum durchgeführt, und in der 11. Klasse gehen die Schüler in ein Industrie- oder Sozialpraktikum.
»Lebenskunde muss allen Unterricht durchziehen«, heißt für dieses Alter die Devise Steiners. An zwei Waldorfschulen (Kassel und Wanne-Eickel) werden in schulinternen Produktionsstätten die Oberstufenschüler zu Facharbeitern ausgebildet. Hand in Hand mit diesem praktischen Unterricht, der zu dem üblichen wissenschaftlichen Unterricht hinzutritt, geht eine intensive Ausbildung auf künstlerisch- gestalterischem Gebiet. Beim Musizieren, Bildhauern, Malen und Zeichnen üben sich die jungen Menschen darin, Ganzheiten zu erleben und gestaltend zu verwirklichen. In allen Lebensäußerungen der Schule, von der einzelnen Unterrichtsstunde bis hin zur Gestaltung des gesamten Schullebens - z. B. in der kollegialen Schulleitung und im Zusammenwirken mit den Eltern - wird dieses künstlerisch-ganzheitliche Element angestrebt und geübt. Es bildet, wo es schon gelingt, die menschliche Athmosphäre der Schule.
Gegen Ende der Schulzeit wird im Gespräch zwischen Lehrern, Eltern und Schülern herausgearbeitet, welcher staatliche Abschluss für jeden Einzelnen erreichbar ist. Mit Beendigung der 12jährigen Waldorfschulzeit ist dann entweder der Übergang in die 13. Klasse, die Abiturvorbereitungsklasse, gegeben oder der Abgang mit Real- oder Hauptschulabschluss.
Das Ziel der Waldorfschule ist der Mensch, der körperlich, seelisch und geistig so gut durchgebildet und gekräftigt ist, dass er die in ihm veranlagten Fähigkeiten frei zur Entfaltung bringen kann, um sie dann verantwortlich handelnd der Welt zur Verfügung zu stellen. Damit ist zugleich gegeben, dass er das ganze Leben hindurch ein Lernender, ein Werdender bleibt.
"Es gibt drei wirksame Erziehungsmittel: |
Furcht, Ehrgeiz und Liebe. |
Wir verzichten auf die beiden ersten." |
Rudolf Steiner |